Seiten

Samstag, 14. Juni 2008

Moral, Schuld und Sühne bei GTA 4

Ich habe gerade bei GTA 4 den Storyverlauf durchgespielt und muss sagen, dass mich ein Ende noch nie derart ratlos, lehr und verstört zurückgelassen hat. Ich will natürlich nichts Spoilern, alle die GTA 4 gespielt haben, wissen wovon ich rede. Insgesamt war ich ja ein wenig enttäuscht von GTA 4 da es vom Missionsdesign schwächer als San Andreas ist. Es wird einfach nicht der enorme Abwechslungsreichtum erreicht. Auch alte Macken wie mangelhafte KI der Autofahrer, nur eine Handvoll Fahrzeugmodelle gleichzeitig im Umlauf und einige andere Kleinigkeiten die ich hier nicht weiter ausführen möchte da ich auf etwas anderes hinaus will.
Selten wird man in Spielen für die Taten, die man im Laufe der Handlung vollbracht hat, zur Rechenschaft gezogen. Oftmals haben die Taten kaum eine Handlungsrelevanz. Aber wenn ein Spiel es schafft einen derart in eine fremde Welt eintauchen zu lassen, dass es einen richtig packt. Wenn ein Spiel es schafft das einem die getroffenen Entscheidungen schwer fallen, dann hat es etwas Einzigartiges vollbracht und wird auch nach dem Abspann fest Verankert bleiben im Herzen des Spielers. Bei Deus Ex beispielsweise, kann ich mich noch genau daran erinnern wie der Bruder von JC Denton in einem Hotelzimmer sagt man solle verschwinden. Die kommen und werden uns töten. Wenn man durch das Fenster abhaut, dann flieht man und sieht seinen Bruder nie wieder. Wiedersetzt man sich aber der Aufforderung kann man seinem Bruder helfen und trifft ihn dann später wieder. Oder bei Knights oft he old Republic. Beim zweiten durchspielen da wollte ich richtig böse sein. Auf Tatooin gab es dann eine Frau, die einen um Hilfe bittet. Ich weiß zwar nicht mehr genau was man tun musste, auf jeden Fall hatte man die Möglichkeit diese Frau gleich zweimal zu verarschen. Am Ende ist sie dann total verzweifelt und fragt im flehenden Tonfall wie man denn derart grausam sein kann. Das hat mich so berührt das ich der dunklen Seite der Macht wieder abgeschworen habe. Böse sein machte keinen Spaß mehr.
Aber GTA 4 mit seinem Ende ist wirklich unglaublich. Es ist derartig, zynisch und brutal, brutal für den Spieler wohlgemerkt, dass man es einfach nicht in Worte fassen kann. Mit dem Ende reflektiert das Spiel nicht nur den Handlungsverlauf der Figur Nico Bellic, sondern das komplette Tun und Treiben des Spielers. (evtl. SPOILER Gefahr) Wenn Nicos Cousin am Ende sagt „Hey Nico wir haben es geschafft, wir haben gewonnen, es ist vorbei“ und Nico lediglich mit der Frage antwortet: „Haben wir das? Ist es vorbei? War es das wert?“ dann wird man vollkommen weggebeamt. Mit einem Mal ziehen die unterschiedlichsten Erlebnisse vor dem inneren Auge vorbei. Gegner die man getötet hat, Personen die während der Flucht vors Auto gekommen sind, die Unschuldigen die, für Nicos Rache und unseren Sieg im Spiel, sterben mussten. Haben wir gewonnen? Nein GTA 4 kannst du nicht gewinnen. Du kannst alle Tauben finden, du kannst den Handlungsstrang durchspielen und 180 Punkte beim Dart werfen, aber gewinnen kannst du nicht. Denn was ist ein Sieg? Das Erreichen des Abspanns? Das Abhacken aller Ziele? Im Falle von GTA 4 muss ich dies verneinen. Denn ich habe nach Erreichen dieser Punkte nicht das Gefühl das ich fertig bin. Ich bin als Nico mit tausenden Autos durch die Stadt gejagt um ihm zu seiner Rache zu verhelfen und als dies erreicht habe, denke ich nicht, so jetzt habe ich es geschafft. Sondern denke, war es das? Das kann doch nicht sein, wofür habe ich dies alles getan? Genau wie Nico habe ich mich immer mehr in seine Rache gefühlt das ich am Ende alles ausgeklammert habe und die Missionen nur noch gespielt habe um diese Rache zu bekommen. Doch am Ende hat sie mir nichts gebracht, sie erfüllt mich nicht, am Ende ist dort nur Leere. Denn Rache macht nicht glücklich.
Wenn Spiele immer realistischer werden, weil die Grafik immer detaillierter wird, dann ist das für mich kein Grund zum Aufruf für weniger Gewalt in spielen. Vielmehr bietet sich die Chance für einen offeneren und kritischeren Umgang mit Gewalt. Wenn ich mir vorstelle, GTA 4 währe nur mit Kürzungen durch die USK gekommen. Das wäre schlicht ein tierischer Verlust gewesen. Durch die Verharmlosung der Gewalt im Spiel, durch beispielsweise fehlendes Blut oder Passanten die den Autos ausweichen oder womöglich wieder aufstehen nach einem Zusammenstoß, würde das Ende dieses Spiels völlig entwertet. Bis jetzt gab es ja kaum kritische Stimmen zum Spiel, hoffentlich bleibt dies auch so. Jeder der meint GTA 4 sei einfach nur gewaltverherrlichend und verrohe die Jugend, der zeigt, dass er dieses Spiel nicht von Anfang bis Ende gespielt hat.
Gewalt unterhält den Menschen, das war schon immer so. Spiele lassen einen allerdings nicht nur passiv teilhaben, sondern lassen einen bis zu einem gewissen Grad aktiv das Geschehen beeinflussen. Natürlich sind Spiele in ihrer Mechanik viel zu komplex als das man sie auf ihren Gewaltgrad reduzieren könnte. Stets muss der Kontext betrachtet werden in dem sich die Gewalt bewegt. Ein von Grund auf gewalttätiges Spiel welches nur darauf abziehlt die Blutlust des Spielers zu befriedigen, sollte es nicht geben. Aber ich finde es ist erstrebenswert, dass wir als Konsumenten es selber schaffen das solche Titel nicht produziert werden, indem wir sie mit nicht Beachtung strafen. Solche Spiele sind es nicht einmal Wert, dass man über sie spricht. Aber Titel wie GTA 4 können zeigen, worin der Unterschied besteht zwischen Gewalt und Gewalt.



Keine Kommentare: