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Mittwoch, 31. Oktober 2012

Toms Tagebuch - Spec Ops The Line

Ich zocke gerade erstaunlich viel in letzter Zeit und so landete auch ein Spiel in meinem Laufwerk, dass ich schon seit seinem Erscheinen endlich mal in Ruhe spielen wollte. Nun habe ich mir die Zeit genommen und bin froh so lange gewartet zu haben um es nahezu am Stück zocken zu können. Die Rede ist von Spec Ops – The Line.

Apocalypse Dubai

Entschuldigung für diese einfallslose Zwischenüberschrift, aber erstens bin ich ein Freizeitautor ohne jegliche Ambitionen und zweitens beschreibt sie das Spiel einfach zu treffend. Spec Ops hatte im Vorfeld nur wenig Marketing und Mediale Aufmerksamkeit bekommen. Das Einzige was Gaminginteressierte vom Spiel wussten, es wird ein Third-Person-Shooter, spielt in der Wüste in Dubai und nimmt sich als Handlungsgrundlage den Roman „Das Herz der Finsternis“ zur Brust, dem auch der Film „Apocalypse Now“ zugrunde liegt. Der Versuch eines Antikriegsspiels, wenn man bei einem Spiel überhaupt je davon reden kann. Ich für meinen Teil bin nicht mal sicher ob dies überhaupt für irgend ein Medium gelten kann, dass gleichzeitig einen Unterhaltungsaspekt verfolgt. Aber letztlich muss jeder selbst für sich deuten, wie viel Bedeutung und Tiefe er in solchen Werken sehen will. Ich persönlich finde, dass Spec Ops – The Line ein wirklich tolles Spiel geworden ist, dass eindeutig zu wenig Aufmerksamkeit bekommen hat und deutlich vor Spielen wie Call of Duty liegen sollte, wenn es um die leidigen Wertungen von Spielemagazinen geht. Auch in der Käufergunst, hätte es das Spiel verdient gehabt vor dieser unsäglichen Spielereihe zu liegen. Zumindest so lange wie man nur die Solospieler-Kampagne betrachtet. Dieser Tagebucheintrag ist mein Versuch in Worte zu fassen, warum ich dieses Spiel so toll finde.

Spielmechanik

An der Spielmechanik von Spec Ops gibt es nichts zu rütteln. Es handelt sich um einen Third-Person-Shooter mit Deckungsfeature. Wer schon mal Gears of War gespielt hat, weiß was ihn in der Hinsicht erwartet. Die Steuerung funktioniert blendend und man hat stets die volle Kontrolle über seine Spielfigur. Zusätzlich ist man die meiste Zeit mit zwei Teamkameraden unterwegs, die einen die ganze Zeit fleißig unterstützen. Man kann ihn sogar rudimentäre Befehle geben, wie Blendgranaten werfen oder bestimmte Gegner auszuschalten. Dies wirkt nicht aufgesetzt und man gewöhnt sich schnell dran die Kameraden mit einzubeziehen. Die Levels sind dabei sehr abwechslungsreich gestaltet und man hat nicht das Gefühl, dass die Levelobjekte nur da sind um als Deckung zu dienen. Zudem versteht es das Spiel aufgrund seines Anspruches, einen voll in die dramatischen Feuergefechte reinzuziehen. Auf dem zweiten von vier Schwierigkeitsgraden ist es mir bereits ziemlich schwer gefallen am Leben zu bleiben. Treffsichere Gegner die einen flankieren und eine angenehme Munitionsknappheit sorgen dafür, dass einem der Schweiß auf der Stirn steht. Wenn man mit seiner Figur, alleine hinter einem Auto kauert, nur mit einer Desert Eagle bewaffnet und noch sechs Schuss im Lauf, während ein gutes Duzend Soldaten sich langsam der eigenen Position nähert ist das herrlich dramatisch. Dies sind spielerischen Eckpunkte. Wer keine Third-Person-Shooter mit Deckungsfeature mag, der wird auch Spec Ops nichts abgewinnen können. Alle anderen bekommen hier einen technisch und spielerisch sehr guten Vertreter seiner Art. Was das Spiel also von anderen Genrevertretern unterscheidet, ist seine Inszenierung.

Inszenierung

Das Spiel versucht ein Antikriegsspiel zu sein und tut dies in meinen Augen hervorragend. Wobei man hier den Maßstab dort ansetzen sollte, wo andere Spiele ihn bisher gesetzt haben. Ich erinnere mich z.B. daran, dass viele die Darstellungen des ersten Modern Warfare als Beklemmend und abschreckend beschrieben haben. Ich selbst habe dazu eine Contra-Position eingenommen, in Form eines Videos, eines Textes und sogar eines Streitgespräches. Für mich war die Darstellung von Gewalt in der CoD-Reihe stets nur Effekthascherei und hat bei mir nicht das geringste ausgelöst, was man im Sinne von Krieg ist scheiße deuten könnte. Ich kam mir eher von den Entwicklern verschaukelt vor, weil sie versuchten mit plumpen Methoden mich zu schockieren. Wenn einem z.B. am Anfang ins Gesicht geschossen wird. Uhhh, die bösen haben mir ins Gesicht geschossen und ich konnte nichts tun. Krieg ist ja so grausam. Nachdem ich Spec Ops gespielt habe, würde ich die Unterschiede in der Darstellung wie folgt beschreiben. Denn Spec Ops nutzt durchaus ähnliche Mittel wie CoD um mich als Spieler zu schockieren. Da wäre zum einen, das völlige Fehlen von der CoD-typischen schwarzweiß Malerei. Bei CoD gibt es immer eindeutig die Bösen, die man im Dutzend ab zuknallen hat. Manchmal sogar noch böse Begleiter. Die Bösewichte sind derart unvorstellbar böse, dass sie für mich eher wie Karikaturen von anderen Bösewichten wirken. Bei Spec Ops gibt es keine so klare Unterteilung. Zum einen spart sich das Spiel jegliche Wertung bei dem was nun gut und was böse ist und zum anderen wechseln im Verlauf des Spiels die Seiten und Fronten so häufig, dass man Ende zu dem Fazit kommt, dass im Krieg alles böse ist. Es gibt nichts Gutes in dieser Spielwelt. Des Weiteren wird man in Spec Ops nicht mit so schrecklich austauschbaren Soldaten Abziehbildern abgespeist wie bei CoD, wo man meist nicht mal weiß für welches Land man gerade in die Haut eines Soldaten geschlüpft ist. Ich höre die Verfechter schon rufen, aber Soldaten sind doch austauschbar und Krieg ist so. Ich finde das nicht. Wenn mich das, was im Spiel packen soll, dann muss die Figur mehr Charaktertiefe aufweisen. Die Figur darf nicht nur ein Fadenkreuz auf dem Bildschirm sein.

Charaktere

Die Figuren im Spiel sind sicherlich nicht außergewöhnlich vielschichtig und voller emotionaler Tiefe. Aber für einen Shooter, sind sie geradezu außergewöhnlich gut ausgearbeitet worden. Jeder hat ihr seine Funktion innerhalb der Geschichte und erfüllt einen Zweck. Dadurch bin ich überhaupt erst in der Lage das gesehene in einem Kontext zuzuordnen. Captain Walker, Leutnant Adams und Sergant Lugo bleiben im Gedächtnis nach dem Spiel und so passiert das Schreckliche diesen drei und sie sind es die im Spiel die Geschehnisse mit beeinflussen und sogar auslösen. Der Spieler ist dabei in der Rolle von Captain Walker unterwegs. Walker ist dabei der Getriebene Anführer der Truppe, der unbedingt herausfinden will was in Dubai passiert ist und warum Colonel Konrad mit seiner Truppe nie zurückkehrte, nachdem er sich freiwillig gemeldet hatte um Dubais Bevölkerung zu evakuieren als die Sandstürme kamen? Konrad ist dabei auch noch eine Heldenfigur für Walker, da dieser ihm mal das Leben gerettet hatte. Lugo ist ein zynischer Witzbold und versucht zu Beginn des Spiels den Schrecken des Krieges mit Humor zu begegnen. Doch je weiter man im Spiel kommt umso mehr verschlägt es auch ihm die Sprache. Adams ist ein eher ruhiger Vertreter der versucht seine Pflicht zu erfüllen und Walker bedingungslos folgt. Er dient dabei eher als Beobachter der Geschehnisse im Spiel und dient dem Spieler so als zusätzliche Reflexionsfläche. Abseits der eigenen Spielfigur, die als Anführer natürlich die ganze Zeit vorgibt wo es lang geht.

Momente und Handlung

Wie im Abschnitt zuvor schon angerissen besteht die Ausgangslage im Spiel darin, dass Dubai von Sandstürmen beinahe komplett zerstört wurde. Lediglich die ganzen Hochhäuser ragen noch aus den Sanddünen hervor. Colonel Konrad wurde mit seinen Soldaten aus geschickt um die Bevölkerung zu evakuieren. Doch der Versuch sie durch die Wüste zu führen endete aufgrund der massiven Stürme in einem Desaster bei dem viele Menschen starben. Daraufhin zog sich Konrad zurück und verlegte seine Bemühungen darauf, die Ordnung in Dubai aufrecht zu erhalten und so das Überleben der Menschen zu schützen. Da es keinerlei Funkkontakt mehr nach Dubai gib, wird man als Spieler in Person von Walker hinterher geschickt um aufzuklären was dort los ist. Am Stadtrand angekommen wird man schnell in erste Kämpfe mit einheimischen verwickelt, wobei nicht klar ist warum. Woher kommt der Hass, was ist hier passiert, warum gibt es überall Radiolautsprecher, wer hat hier das Sagen, warum mischt auch die CIA mit und was zur Hölle hat Konrad mit all dem zu tun? Dies sind alles Fragen, die sich den Spieler schon sehr früh stellen. Doch man bekommt keine einfachen Antworten. Eher aus versehen stolpert man mit Walker immer tiefer in einen grausamen Schlund aus Gewalt und Tod, in dem verzweifelten Versuch heraus zu finden was passiert ist, das richtige zu tun, Amerikanische Soldaten zu retten, Zivilisten zu schützen oder doch nur sein eigenes Leben. Es gibt kein Richtig und kein Falsch nur Entscheidungen. So werden im Spiel auch immer wieder Momente eingestreut, in denen man Einfluss nehmen kann. Meist geht es darum zu wählen wen man erschießt bzw. ob man es überhaupt tut. Diese Entscheidungen sind alles andere als leicht und nicht immer klar zu erkennen. Das eine Mal habe ich nicht mal bemerkt, dass ich die Wahl hatte. Im Gegensatz zu einem Mass Effect lassen sich auch diese Momente nicht klar dem guten oder bösen zuordnen und genau deswegen sind sie für den Spieler so spannend, da sie ihn vor ein moralisches Dilemma stellen.

Spielspaß

Kann man bei einem solchen Spiel denn von Spielspaß reden, wenn es um die explizite Darstellung von Gewalt geht, man als Spieler tausende von Gegner tötet und man in moralischen Entscheidungen über Leben und Tod entscheidet? Wie im Spiel gibt es keine klare Antwort darauf. Kann man Spaß daran haben sich Filme zu dem Thema anzusehen oder Bücher darüber zu lesen? Jeder muss dies für sich selbst entscheiden. Ich hatte viel Spaß beim Spielen von Spec Ops, da ich das Gefühl hatte die Entwickler haben sowohl das Thema, als auch mich als Spieler ernst genommen. Das gewählte Szenario hebt sich sehr angenehm vom alltäglichen Militärshooter Einheitsbrei ab und ist mit seinem Sandsturm verwüsteten Dubai erstaunlich originell. Spielmechanisch funktionieren die Gefechte sehr gut und erzeugen eine sehr gute spielerische Dramatik durch das abwechslungsreiche Leveldesign. Dazu gibt es auch noch eine sehr gut erzählte und spannende Geschichte mit vielen Wendungen, Überraschungen und mehr als einem dramatischen Höhepunkt. Und wo ich mich sonst immer über die Enden in Spielen beschwere, muss ich Spec Ops umso mehr loben. Denn es gibt 4 unterschiedliche Enden und alle 4 sind absolut befriedigend und lassen den Spieler nicht ratlos zurück wie eigentlich alle anderen großen Spiele der letzten Jahre. Tatsächlich sind sie sogar eine Spiegelbild dessen wie man das Spiel erlebt hat und wie man es für sich deuten will. Vielleicht bin ich zu euphorisch und interpretiere in Spec Ops Dinge, die nicht da sind. Aber ich habe das Spiel als ein großartiges spielerisches Erlebnis empfunden, von dem sich so manch anderer Shooter mit dem Anspruch an ein ernsthaftes Szenario, gerne mal eine Scheibe abschneiden darf. Ich hätte mir wirklich gewünscht, dass mehr Spieler Spec Ops gekauft hätten und dem Spiel der Erfolg beschieden wäre, den es verdient gehabt hätte.

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